Quantitative Sozialforschung
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Texte 11 bis 20

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Text Nr. 11nach oben

Ich habe zugegebenermaßen auch etwas Probleme mit der Frage. Nicht weil die Frage schlecht ist, im Gegenteil, sondern weil ich unsicher bin: Wie kann ich mir anmaßen, "fundamentale Erkenntnisse" der Soziologie zu nennen, wenn deren Nennung auf fünf begrenzt ist (so sinnvoll und nötig eine Begrenzung auch ist). Und was genau sind "Erkenntnisse"? Ist damit (wie der Begriff nahelegt) Unumstößliches (jedenfalls soweit wir das heute wissen) gemeint?

Ich kann die Frage für mich denn auch nur so beantworten, dass ich Themen/Aspekte benenne, die für mein soziologisches Forschung von der Vergangenheit bis heute (wenn auch nicht durchgängig!) wichtig waren und die ich in der einen oder anderen Form in meinem Forschen zu berücksichtigen versucht habe oder noch berücksichtigen, auch wenn man das auf der Oberfläche vielleicht nicht immer so merkt. Ich versuche, sie einigermaßen allgemein, aber nicht kompliziert zu formulieren. Die Reihenfolge ist zufällig und hat nichts mit der von mir den Themen zugeschrieben Wichtigkeit zu tun (die Wichtigkeit ist vielmehr abhängig von den jeweiligen Forschungsinteressen). Leider habe ich keine Zeit für ausführliche Begründungen. Es geht hier nicht um originelle Themen; es sind vielmehr alte oder weithin bekannte Themen, die ich eben aufgrund ihrer Wichtigkeit (für meine Forschung) vorstelle. Ich präsentiere zunächst einen "Leitspruch" und dann zwei, drei kurze Sätze zur Verdeutlichung.

  1. Abweichendes Verhalten kann nur mit Blick auf gesellschaftliche Normen verstanden und untersucht werden.
    Es gibt also kein "von Natur aus böses" oder "kriminelles" Verhalten/ Handeln. Auch die "Gewalt gegen körperliche Integrität" oder "Gewalt gegen Leben", die immer wieder als etwas genannt wird, was jeder Mensch verurteilt, haben diese Eigenschaft nicht – in Kriegszeiten wird Gewalt und Tötung zumindest implizit gut geheißen.
  2. Bei der Analyse moderner Gesellschaften ist es vielfach hilfreich, von der Annahme funktionaler Differenzierung auszugehen.
    Man spart sich damit die Frage, ob denn nun "letztlich" die Wirtschaft, oder doch die Politik, oder "Werte und Normen" die Gestalt der Gesellschaft bestimmen. Es kommt vielmehr darauf, die vielfältigen Institutionen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Teilbereichen (manche würden sagen: Subsystemen oder Funktionssystemen; aber ob man hier von System spricht oder nicht, ist nicht so wichtig) und ihre wechselseitige Abstimmung/ihr Zusammenspiel zu untersuchen.
  3. Die meisten Gesellschaften, auf jeden Fall moderne Gesellschaften lassen sich als Klassengesellschaften analysieren.
    Der Klassenbegriff ist bekanntlich umstritten, und ich verstehe in hier nicht in einem strengen Sinn. Ich meine nur folgendes: Es gibt soziale (Groß-)Gruppen, die von gesellschaftlichen Ressourcen mehr, und solche, die davon weniger bekommen. Dass das so ist, ist kein "naturgegebener" Sachverhalt und spiegelt auch nicht nur die "natürliche" Ausstattung der Menschen (Begabung etc.) wieder. Vielmehr unternehmen die Individuen (und ihre ‚Kontexte’, also Familie, Netzwerke etc) viel, um ihre bevorzugte Lage aufrechtzuerhalten bzw. eine benachteiligte Lage zu verbessern. (Viele der letzteren haben dafür allerdings gar nicht die nötigen Ressourcen.) – Wenn man von Klassengesellschaften spricht, sollte man aber auch berücksichtigen, dass es ferner  persistierende (oder nur langsam sich ändernde) Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern und außerdem zwischen verschiedenen Ethnien gibt. Geschlechter und Ethnien sind keine Klassen; wohl aber können die Wirkungen der Zugehörigkeit zu Geschlecht und Ethnie klassenspezifisch unterschiedlich sein.
  4. Die Familie ist (jedenfalls in modernen westlichen Gesellschaften) keine homogene Einheit; anders gesagt: es gibt nicht "die Familie", sondern nur Individuen-in-Beziehungen.
    Daher kann und muss man zumeist auch Familien mit Blick auf interne Ungleichheiten – vor allem zwischen Frau und Mann, aber auch zwischen Eltern und Kindern, zwischen Geschwistern etc. – untersuchen. (In anderen Gesellschaften stellt sich diese Frage auch, aber es gibt u.U. so komplexe Familienformen, dass diese Frage vielleicht weniger wichtig ist.)
  5. Es ist sinnvoll, die Stellung und die Lebenschancen von Individuen in modernen Gesellschaften aus einer Lebensverlaufsperspektive zu betrachten.
    Das heißt erstens: Vieles, was einem im Leben widerfährt, hängt davon ab, was früher geschehen ist. Zweitens: Es gibt trotzdem keine starren Lebensverläufe, sondern Auf- und Abstiege (sowie Um-Stiege). Menschen können in überraschende, neue Lebenslagen kommen; allerdings verharren sie dort häufig nicht für immer, vielmehr gibt es Wechsel von einer Lebenslage in eine andere (etwa in Armut – aus Armut). Diese Dynamiken von Lebensverläufen sind bereits relativ gut erforscht, es gibt aber durchaus noch einiges zu tun, vor allem in der Verknüpfung verschiedener Lebensbereiche (Arbeit – Familie – Verwandtschaft – Freunde/Freundinnen).

Text Nr. 12nach oben Anna Schwarz, Viadrina

Anbei in aller Kürze meine 5 soziologischen Schlüsseleinsichten; es sind für mich allerdings weniger singuläre Erkenntisse, als vielmehr komplexere, produktive, erfolgreiche, wegweisende approaches /Ansätze; falls das Ihr Interesse trifft, hier also meine "Top 5":

  1. Pierre Bourdieu : "Habitus"-Konzept: geniale Konzeptualisierung einer strukturierten und strukturierenden Struktur, Wegweiser zur Analyse der Verknpüpfung von Struktur und Handeln, von Makro und Mikro-Ebene, von Implizitem und Explizitem
  2. Norbert Elias: Studien zur Zivilisation, insbesondere "Etablierte und Außenseiter", vielfach gültige, gruppen- oder milieuspezifische  Distinktionsmechanismen in komplexen Gemeinschaften
  3. George Herbert Mead: "I" und "Me", Erklärung der sozialen Genese des Selbst, der symbolisch vermittelten Interaktion, Kommunikation und sozialen Persönlichkeitsbildung
  4. Berger/Luckmann: "interpretatives Paradigma", der Ansatz der gesellschaftlichen Konstruiertheit der Wirklichkeit
  5. Hartmut Rosa: "Beschleunigung", weitreichender aktueller Ansatz zum adäquaten Verständnis veränderter zeitlicher Rahmenstrukturen, angesichts Globalisierung/Übergang zur Spätmoderne

Text Nr. 13nach oben

Fünf fundamentale Erkenntnisse der Soziologie:

  • Die Analyse der wechselseitigen Verstärkung von religiösen und wirtschaftlichen Prozessen im Sinne der Wahlverwandtschaften bei Max Weber

    Mit seiner Konzeption der Soziologie als einer Wirklichkeitswissenschaft historischer 'Individuen', d.h. sozialräumlich und historisch mehr oder weniger einmaliger Phänomen-Konstellationen, zeigt Max Weber in seiner Analyse der Protestantischen Ethik eindrucksvoll auf, dass entgegen der Marxistischen Theorie eines ausschließlich ökonomisch determinierten gesellschaftlichen Wandels und eines entsprechenden 'Totalitätszusammenhangs' äußerst gewinnbringend von der Unterschiedlichkeit, Unabhängigkeit und wechselseitigen Beeinflussung sozialer Phänomene und Nebenfolgendynamiken ausgegangen und dabei auf eine verstehend-erklärende Perspektive zurückgegriffen werden kann.
  • Das Thomas-Theorem der 'Situationsdefinition'

    William I. Thomas und Dorothy Thomas formulieren mit ihrem Theorem der Bedeutung der Situationsdefinition für das Handeln von Individuen eine umfassendere Vorstellung der Reichweite von Sinngebungsprozessen als dies in Max Webers Definition der Soziologie bzw. des sozialen Handelns erfolgt. Die von Weber adressierte Motivation des Handelns ist in einen Wahrnehmungskontext (die Situationsdefinition) eingebettet, der seinerseits durch soziale Vermittlung (den gesellschaftlichen Vorrat von Situationsdefinitionen) und die Pragmatik des Handelns strukturiert ist. Bereits in den 1920er Jahren sprechen sie davon, dass Situationsdefinitionen durch den Kontakt der Migrantenkulturen und die rasanten Veränderungen des großstädtischen Lebens uneindeutig geworden sind und zunehmend sozialen Individualisierungslagen unterliegen.
  • Georg Herbert Meads Betonung, dass Bewusstsein durch Kommunikationsbeziehungen und -prozesse innerhalb eines Diskursuniversums entsteht, also eine soziale Strukturbildung darstellt.

    Von Cooley vorbereitet, kann Mead überzeugend darlegen, wie Bewusstsein als Kompetenz der Handhabung signifikanter Symbole und damit verbunden der Möglichkeit zum Eingehen symbolischer Interaktionen im Prozess der kindlichen Sozialisation durch soziale Prozesse entsteht.
  • Der erweiterte Rollenbegriff des Symbolischen Interaktionismus und verwandter Ansätze

    Verschiedene Autoren des Symbolischen Interaktionismus und nahestehender Ansätze (etwa Goffman) haben seit Ende der 1950er Jahre deutlich gemacht, dass Rollenspiel mehr ist als die Ausführung vorstrukturierter Verhaltenserwartungen. Vielmehr handelt es sich um einen aktiven Prozess, in dem die Rollenspieler eigene Interpretationsleistungen einbringen und so die gesellschaftliche Kombination von Verlässlichkeit, Flexibilität, Individualität und Einsatzmöglichkeit des Rollenspiels erst ermöglichen.
  • Pierre Bourdieus Untersuchung der ‚Feinen Unterschiede’

    Bourdieu kann hier eindrucksvoll nachzeichnen, was die bereits von Mannheim analysierte ‚Standortgebundenheit’ des Denkens bezogen auf Geschmacksurteile der französischen Gesellschaft der 1960er Jahre beinhaltet und wie sie über die Begriffe von Habitus, Kapitalformen und sozialem Raum einer soziologischen Analyse zugänglich sind.

Text Nr. 14nach oben

Betreff: "Fundamentale Erkenntnisse der Soziologie"

Vorbemerkung: Die Soziologie erscheint vielen Zuschauern als eine höchst vielschichtige, multiplexe, in jedem Fall "multiparadigmatische" Denkform und/oder als eine Ansammlung nach undurchsichtigen Gesichtspunkten zusammengetragener "empirischer Ergebnisse". Angesichts dieses diffusen Befundes möchte ich als eine (oder die) tragende Erkenntnis herausheben, dass die Soziologie über ein bis auf Hobbes und Smith zurückgehende, einheitswissenschaftliche Tradition verfügt, die ihr, relativ unabhängig von ihren akademischen Organisationsformen, eine – wie ich meine – entwicklungsfähige Fragestellung verschafft.

  1. Im Zentrum dieser Programmatik steht die freilich überkommene (und von den anderen Gesellschaftswissenschaften mitentwickelte) Erkenntnis, dass sich menschliche Gesellschaften als "sich selbst organisierende Systeme" verstehen lassen, die auf der Basis des interdependenten Handelns einer Vielzahl von Akteuren entstehen und sich abhängig von den kollektiven Folgen ihres Wechselhandelns (adaptiv und evolutionär) "entwickeln". Die sich auf diesem Wege ausbildenden Gesellschaften sind – wie Ken Binmore einmal formulierte – keine beabsichtigten, maßgefertigten Konstruktionen, sondern gleichen "Trockenmauern", deren Bestandteile sich wechselseitig, wenn auch nicht auf Dauer stützen und wenigstens gelegentlich im Gleichgewicht halten.
  2. Zum weiteren muss als zentrale Erkenntnis eingestuft werden, dass derartige soziale Interdependenzverhältnisse und deren Dynamiken als eine Funktion der (wechselwirksamen) Erwartungen und (relationierten) Zielsetzungen der Akteure zustande kommen, und dass die daraus resultierenden Abstimmungsprobleme durch Regulierungen (Institutionen oder Governance-Systeme) kanalisiert und (in Grenzen) gesteuert werden können.

Begründung: Dieses Ideenkonglomerat hat die basale theoretische Fragestellung der Soziologie seit ihrer vorakademischen "Gründerzeit" angeregt, nämlich wie "Gesellschaft möglich" sei bzw. wie deren "soziale Ordnung" zustande kommen könne. Man kann die verschiedenen "soziologischen Paradigmen" als (Teil-)Antworten auf die damit angeschnittene Frage nach den Wandlungs- und Gleichgewichtsbedingungen sozialer Prozesse (oder "Mechanismen") verstehen. Die Sozialwissenschaften haben sich entlang der verschiedenartigen Regulierungsmechanismen (Markt, Herrschaft, Gemeinschaft etc.) ausdifferenziert; aber das ist eine kontingente, wenn auch unter dem Gesichtspinkt der arbeitsteiligen Effizienz verständliche Entwicklung, die man durch integrative Modellbildungen kontrollieren, wenn nicht zurücknehmen kann.

  1. Die alledem nachgelagerte Erkenntnis ist wohl die, dass das (in 1) und 2) gekennzeichnete) theoretische Programm der Soziologie (besser: der Sozialwissenschaften) in empirische Forschungen umgesetzt werden kann, ohne sich in unrealistische, sozial- und geschichtsphilosophischen Spekulationen zu verfangen; dass soziale Dynamiken und deren Verteilungsfolgen als "reale" Tatbestände betrachtet zu werden verdienen, die mit erfahrungswissenschaftlichen Verfahren erforscht werden können.

Begründung: Ohne realwissenschaftlichen Anspruch kann sich die Soziologie nicht als Vehikel der Gesellschafts(um)gestaltung profilieren wollen und ohne diese Befähigung hat sie Rechtfertigungsschwierigkeiten gegenüber dem zahlenden Publikum.

Fazit: Ich nenne damit keine Einzelerkenntnisse, die im Zweifelsfall alle falsch und unzulänglich sein werden, sondern die "fundamentale Erkenntnis" der Soziologie, dass sie als "Wirklichkeitswissenschaft" betrieben werden kann, die dazu in der Lage ist, alle Fragestellungen mit wenigstens (empirisch und theoretisch) halbwegs fundierten Antworten zu versehen, die sich aus dem in 1)-3) genannten Programmpunkten ergeben.


Text Nr. 15nach oben

5 Wichtige Erkenntnisse der Soziologie:

  1. Die Webersche Erkenntnis, dass soziale Phänomene sowohl deutend zu verstehen als auch ursächlich zu erklären sind; damit erschließen sich sowohl die kulturell und institutionell gerahmten Konstruktions- und Interpretationsleistungen der Akteure bei der Definition sozialer Situationen (Verstehen) als auch die Strategien der Akteure und ihre Transformation in Makrowirkungen sowie die Beziehungen zwischen Makrophänomenen (Erklären).
  2. Dass ein Spannungsfeld existiert zwischen der systemtheoretisch inspirierten Erkenntnis, dass moderne Gesellschaften durch funktionale Differenzierung gekennzeichnet sind und der marxistisch inspirierten Erkenntnis, dass moderne Gesellschaften soziale Ungleichheiten und Klassenstrukturen aufweisen und dass der Ökonomie  unter den Subsystemen und den Kapitalisten unter den Klassen eine besondere Stellung zukommt, weil sie über die Produktion gesellschaftlichen Reichtums entscheiden.
  3. Dass ein Spannungsfeld existiert zwischen der institutionalistischen Erkenntnis, dass soziale Institutionensysteme träge sind und durch Verriegelungen häufig Entwicklungspfaden folgen und der mikrosoziologischen Erkenntnis, dass in Problemsituationen gewohnte institutionelle Skripte und kognitive Codes aufbrechen können und nach neuen Problemlösungen gesucht wird. Solche Problemlösungen wiederum sind das Ergebnis gesellschaftlicher Konflikte zwischen Akteuren mit Macht, verstanden als Verfügung über autoritative und allokative Ressourcen.                
  4. Dass ein Spannungsfeld existiert zwischen der Individualisierung sozialer Akteure, deren Lebensentwürfe durch wachsende Kreuzungen sozialer Kreise sowie durch soziale Strukturverschiebungen vielfältiger werden und zu einer normativen und kulturellen Differenzierung führen auf der einen und dem Fortbestand materieller Restriktionen und sozialer Klassenstrukturen auf der anderen Seite, die eine Ungleichverteilung der Lebenschancen der Individuen bewirken.
  5. Dass schließlich die Soziologie eine zutiefst empirische Wissenschaft ist, die zuvorderst Probleme und Spannungsfelder aufdeckt, die laufend der empirischen Analyse unterzogen werden müssen; nur so kann auch die Problemanalyse ihrerseits weiterentwickelt werden.

Text Nr. 16nach oben Hans J. Pongratz, Universität München

Die fünf wichtigsten Erkenntnisse der Soziologie

  1. Die gesellschaftlichen Strukturen sind das Ergebnis interessengeleiteten und interdependenten sozialen Handelns der Individuen. Die Menschen machen ihre Geschichte (und ihre Gesellschaft) selbst.
  2. Soziale Handlungen (und die ihnen zugrunde liegenden Absichten und Interessen) folgen den Deutungen, die sich Menschen in kommunikativen Prozessen von der sie umgebenden sozialen Welt machen. Die Relevanz der subjektiven Interpretationen für soziale Prozesse erschließt sich durch einen den gemeinten Sinn rekonstruierenden, verstehenden Zugang.
  3. Die gesellschaftlichen Institutionen (als anerkannte soziale Strukturmuster und Regelsätze) entwickeln eigenständige Dynamiken und Regelmäßigkeiten, die wiederum (vermittelt über Deutungen und Kommunikation) zu Bezugspunkten für das Handeln der Individuen werden. Menschen sind mit den Formen und Folgen kollektiven Handelns als soziale Tatsachen konfrontiert.
  4. Die Komplexität der Interdependenzen, die Vielfalt der Deutungen und die Eigenlogiken von Institutionen haben zur Folge, dass die Entwicklung und Gestaltung gesellschaftlicher Strukturen nur eingeschränkt intentional steuerbar ist. Die gesellschaftliche Entwicklung ist wesentlich durch unbeabsichtigte Nebenwirkungen des Handelns und ungeplante kollektive Effekte individueller Entscheidungen bestimmt.
  5. Charakteristisch für die Entwicklung moderner Gesellschaften ist das Bestreben nach Reflexion von Interessen, Kontrolle des Handelns und Planung gesellschaftlicher Prozesse. Da dieser Rationalisierungsanspruch ständig an die Grenzen der Steuerbarkeit sozialen Handelns stößt, werden moderne Gesellschaften zunehmend selbstreflexiv.

Begründung:

  • Die genannten Erkenntnisse sind konstitutiv für den Gegenstand der Soziologie. Sie charakterisieren die Soziologie als Wissenschaftsdisziplin und weisen zugleich auf spezifische Schwierigkeiten ihres Forschungszugangs hin.
  • Grundlegend sind diese Annahmen insofern, als sie über verschiedene theoretische Positionen hinweg innerhalb des Fachs weitgehend (wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen) geteilt werden.
  • Es handelt sich um klassische Annahmen, die von den frühen Klassikern des Fachs (v.a. Marx, Weber, Durkheim, Mead) in prägnanter und innovativer Weise formuliert wurden und in der Entwicklung der Disziplin eine zentrale Rolle spielten.
  • Wichtig sind die Annahmen insofern geblieben, als sie zwar weithin akzeptiert sind, aber in der Gestaltung gesellschaftlicher Prozesse immer noch nicht hinreichend berücksichtigt werden. Es handelt sich um Erkenntnisse, deren gesellschaftliche Anerkennung und Umsetzung weiterhin eine wesentliche Aufgabe der Soziologie bleibt.

Text Nr. 17nach oben

Fundamentale Erkenntnisse der Soziologie

  1. Arbeit- und Industriesoziologie: Einfluss der Arbeitstätigkeit (Arbeitsanforderungen, Belastungen usw.) auf die subjektive Verfassung und Lebensgestaltung insgesamt (Erweiterung der ökonomischen Sicht auf Arbeit als Produktionsfaktor und Grundlage von Einkommen).
  2. Abhängigkeit individuellen Handelns von gesellschaftlichen Strukturen (institutionell-normativ und kulturell sowie auch ökonomisch-matriell): Nicht nur dort wo individuelles Handeln offensichtlich gesellschaftlich determiniert wird (z.B. tayloristische Arbeitsorganisation), sondern gerade auch dort wo individuelle Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten bestehen.
  3. Grundlegende Einsicht: die Gesellschaftlichkeit und Historizität von scheinbaren Naturtatsachen individuellen und gesellschaftlichen Lebens (z.B. marktwirtschaftliche Ökonomie, bürokratische Organisation, Rationalisierung, Geschlecht usw.). Die Soziologie müsste sich allerdings derzeit fragen, auf welche Weise sie nicht selbst von solchen (bisher) nicht weiter hinterfragten "Naturtatsachen" ausgeht.

Text Nr. 18nach oben

  1. Das Werturteilsfreiheitspostulat von Max Weber
  2. "A moral man cannot be a sociologist." (Robert E. Park)
  3. "If men define situations as real, they are real in their consequences.” (William I. Thomas)
  4. "Was geht hier eigentlich vor?" (Erving Goffman)
  5. "Ein Mensch, der handelt, weiß, dass er handelt." (Alfred Schütz und Thomas Luckmann)
  6. "Handeln ist möglich und chancenreich. Das ist großartig naiv." (Ulrich Beck)
  7. "Gesellschaft ist ein menschliches Produkt. Gesellschaft ist eine objektive Wirklichkeit. Der Mensch ist ein gesellschaftliches Produkt." (Peter L. Berger und Thomas Luckmann)
  8. "Es ist widersinnig, die Menschen in gute und schlechte einzuteilen. Die Menschen sind entweder unterhaltsam oder langweilig." (Oscar Wilde)

Text Nr. 19nach oben Volker Müller-Benedict, Universität Flensburg

Die fünf wichtigsten Erkenntnisse der Soziologie:

  1. Es gibt "soziale Tatbestände", die weder vom Einzelnen, noch von Institutionen, noch von Gesellschaften und auch nicht von der Natur schnell verändert werden können, sondern die, zum Teil bewusst, zum Teil unbewusst, das soziale Leben beeinflussen. Ohne sie können viele soziale Phänomene nicht erklärt werden.

    Begründung: Seit Durkheim gilt diese Erkenntnis als eine der Gründe für die sich zu seiner Zeit entwickelnde Fachdisziplin "Soziologie". Dazu gehören wesentlich die "kulturellen Selbstverständlichkeiten" und die Regelung grundlegender "sozialer Dilemmata" wie Kooperation, Gerechtigkeit, Moral etc.

  2. Nicht-intendierte Folgen sozialen Handelns, sozialer Wandel. Soziales Handeln erzeugt oft nicht-intendierte Folgen und damit neue soziale Probleme, auch wenn es erklärter Weise zum Wohle aller ausgeführt wurde. Dadurch entsteht ständiger sozialer Wandel und die Notwendigkeit, Soziologie als Daueraufgabe zu etablieren.

    Begründung: Seit Mertons gleich lautendem Beitrag in der AJS wurden viele Beispiele dafür beschrieben. Diese Erkenntnis entlastet die Soziologie davon, "fundamentale" Gesetze finden zu müssen wie etwa die Physik und stellt die Beziehung soziologischer Erkenntnisse zu der normativen Frage "Wie wollen wir leben?" her.

  3. Die Umfrageforschung. Richtig angewandt, können mit relativ geringem Aufwand Zusammenhänge und Verteilungen von Merkmalen einer beliebig großen Population festgestellt werden.

    Begründung: Nur mit zutreffenden Informationen über die soziale Lage einschließlich Meinungen und Wünschen der gesamten Bevölkerung ist es möglich, gesellschaftliche – politische, wirtschaftliche, soziale - Strukturen zu beurteilen und begründet zu verändern. Erst seit der Entwicklung der Technik der repräsentativen empirischen Sozialforschung sind solche Informationen erhältlich.

  4. Die "Evolution von Kooperation". Auch ohne irgendwelche Normen, Altruismus oder soziale Strukturen vorauszusetzen, ist Kooperation langfristig die günstigste Verhaltensweise für das Zusammenleben.

    Begründung: Seit Axelrods gleichnamigem Buch ist diese Erkenntnis Gegenstand zahlreicher Untersuchungen geworden, die sie immer weiter verfeinert haben. Ihre "Wahrheit" als formale Theorie gibt Hoffnung auf eine langfristige globale Tendenz zum friedlichen Miteinander. Für die Soziologie bedeutet sie, dass die Untersuchung der sozialen Mechanismen der Kooperation eine ihrer Hauptaufgaben ist.

  5. Die "soziologische Erklärung" mit dem Kern einer auf "rational choice" gegründeten Handlungstheorie.

    Begründung: Die auch als "Colemans Badewanne" bekannte und in Deutschland prominent u.a. von Hartmut Esser verbreitete Grundform jeder soziologischen Erklärung löst das ein Jahrhundert lange Problem der Verknüpfung von Mikro und Makrosoziologie. Indem dabei – unter Berücksichtigung der jeweiligen sozialen Situation – dem Individuum Zweckrationalität unterstellt wird und sein Handeln dadurch von psychologischen, biologischen u.a. individuellen Einflüssen frei wird, verkörpert diese Grundform eine genuin "soziologische" Methode.

Text Nr. 20nach oben

Fundamentale Erkenntnisse der Soziologie:

  1. Der Nachweis, dass Bildungschancen und sozialer Status zusammenhängen. Diese Erkenntnis hat entscheidend dazu beigetragen, Theorien "angeborener" Ungleichheit zu desavouieren und damit eine Politik und Maßnahmen zur  Schaffung von Chancengleichheit  zu ermöglichen. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass besonders benachteiligte Gruppen (z.B. Frauen, Migranten, ethnische Minderheiten) spezifischer Fördermaßnahmen bedürfen, um gleiche Chancen und Rechte erlangen zu können.
  2. (Richtige) Prognosen der Bevölkerungsentwicklung erlauben es, erwartbare künftige Zustände zu antizipieren und geeignete  beschäftigungs- und sozialpolitische Maßnahmen einzuleiten, um Problemen, die aufgrund dieser Entwicklung resultieren können (z.B. Altersversorgung, Beschäftigungspotential, Infrastrukturauslastung) begegnen zu können.
  3. Erkenntnisse über die Faktoren, die die  Organisation menschlicher Arbeit fördern oder behindern- Da die  Organisation menschlicher Arbeit ein wesentlicher Produktionsfaktor sind, haben diese Erkenntnisse wesentlich zur Veränderung der Arbeitsformen beigetragen.
  4. Die Aufdeckung von Gesetzmäßigkeiten und Trends der Stadtentwicklung erlauben es, geeignete Konzepte zu finden, die ein humanes Wohnen und Miteinander ermöglichen (könnten).

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