Quantitative Sozialforschung
print


Navigationspfad


Inhaltsbereich

Texte 31 bis 40

[31] [32] [33] [34] [35] [36] [37] [38] [39] [40]


Text Nr. 31

1) Zu den wichtigsten Erkenntnissen der Soziologie zählt zunächst die Erkenntnis und Bestimmung der Soziologie selbst als "Wirklichkeitswissenschaft", wie Max Weber dies verstanden hat. Gegenständlich rückt damit soziale Wirklichkeit in ihrer aktuellen Gestalt, aber auch in deren historische Gewordenheit (Genese) ins Zentrum. Zudem ist Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft durch die sich verändernden "Wertbeziehungen" ihres Materials und analytischen Zugangs geprägt und muss eine Selbstreflexion ihrer Begriffe und Instrumentarien beinhalten.

2) Eine weitere wegweisende Erkenntnis liegt im Weberschen Begriff der Kultur als ein "mit Sinn und Bedeutung bedachter endlicher Ausschnitt aus der sinnlosen Unendlichkeit des Weltgeschehens." Kultur gilt demnach nicht als feststehender Kanon von Normen und Werten, sondern als geschichtlich-gesellschaftlich hervorgebrachter und sich verändernder Rahmen, in dem soziales Handeln in seiner "Kulturbedeutung" verstehbar ist.

3) Eine dritte wichtige Erkenntnis zeigt sich in der von George Herbert Mead entwickelten pragmatistischen Idee der intersubjektiven und interaktiven Konstitution von Wirklichkeit. Wirklichkeit entsteht demnach in der aufeinander bezogenen Praxis des Handelns – betrachtet als Problemlösung -, auf intersubjektiver Wahrnehmung und (mit-)geteilter Erfahrung. In diesem Sinne ruht Wirklichkeit und Wirklichkeitserkenntnis auf der "objektiven Realität von Perspektiven" auf. Auch die Genese des Selbst, die Entwicklung von Denken und Bewusstsein ist durch Intersubjektivität, Interaktionen und praktische Handlungen bestimmt.

4) Zu nennen ist viertens die von Alfred Schütz ausgearbeitete (phänomenologisch-pragmatistische) Erkenntnis der intersubjektiven und pragmatischen Strukturen der "Lebenswelt". Als fraglos gegebene und für selbstverständliche gehaltene Wirklichkeit bildet die Lebenswelt Grundlagen und Ausgangspunkte sozialen Handelns; sie hält Wissensvorräte, Interpretations- und Deutungshorizonte in Form erprobter Problemlösungen bereit und ist zugleich offen für Modifikationen. Die Entwicklung von Relevanzen, die Bedeutung und Verwendung von Symbolen sowie gegenseitiges Verstehen bauen u.a. auf gemeinsamen Lebenswelten auf.

5) Angeführt sei nicht zuletzt das von William Isaac und Dorothy Thomas im Rahmen der Chicago School formulierte Theorem der "Situationsdefinition". Situationsdefinitionen sind sowohl von objektiven Bedingungen einer Situation als auch von subjektiven Einstellungen, vorhandenen Vorstellungen über die Bedingungen und der jeweiligen situationsspezifischen Deutung geprägt. Das Konzept verdeutlicht die Interpretationsabhängigkeit und insbesondere auch die Kontextualität sozialen Handelns und eröffnet einen Weg von der sozialtheoretischen Konstruktion zur empirischen Analyse.


Text Nr. 32nach oben

Kurz und bündig:

  1. Die Aufnahme der feministischen, später gender Perspektive in die Soziologie, die mit Hilfe der Frauenbewegung erkämpft werden mußte. Gründung der Sektion Frauenforschung in den Sozialwissenschaften 1979.
  2. Eine in der Stadtsoziologie gewachsene Erkenntnis den Raum soziologisch zu theoretisieren: Läpple, Löw (über Bourdieu hinaus gehend)
  3. eine neue Analyserichtung in der Stadtsoziologie.
    Statt der Analyse allgemeiner gesellschaftlicher Entwicklungen in Städten und deren Konsequenzen wird  von einer Eigenlogik der jeweiligen Stadt ausgegangen und diese zum Untersuchungsgegenstand gemacht. Berking/Löw: Die Eigenlogik der Städte 2008
  4. Methodisches; Diskurse und Diskursanalysen

Text Nr. 33nach oben Hermann Schwengel, Universität Freiburg

Die fünf Entdeckungen der Soziologie

Die Soziologie hat fünf Sachverhalte entdeckt, die sie in der Differenz mit anderen Wissenschaften bestimmt und sich dadurch selbst konstituiert hat. In mehreren historisch-begrifflichen Konjunkturen sind diese Sachverhalte immer wieder erneuert worden. Auch heute steht wieder eine Erneuerung dieser Verfassung an.

Da ist zunächst der Begriff der Gesellschaft, der sich sowohl von Gemeinschaft wie Kampf unterscheidet – so hat es Max Weber gesehen – und im Kontext der Modernität und des Okzidents eine Lebensform entwickelt, die es zuvor nicht gegeben hat. Diese Lebensform bleibt aber in ihrer Bestimmung nicht von diesem geistig-historischen Kontext abhängig. Der zweite Sachverhalt ist der der sozialen Differenzierung, der sich sowohl von der politisch-rechtlichen Gewaltenteilung wie den vielfältigen kulturellen Lebensteilungen unterscheidet und eine eigene generative Kraft entfaltet. Funktionale Differenzierung ist eine wesentliche Form der Differenzierung, aber diese ist darauf nicht zu reduzieren. Die Soziologie hat auch eigentlich erst die Klasse entdeckt, die sich von den historischen Repräsentationen von Produktionsweise, Herrschaft und sozialkultureller Bindung befreit und Handlungschancen eröffnet, Handlungschancen begrenzt und Handlungschancen ausschließt. Auch die Entdeckung der Entwicklung durch die Soziologie ist nicht auf die Ideenwelt des 19. Jahrhunderts und deren Antwort auf ihre Spannungen zu beschränken, sondern enthält von Anfang an eine Idee reflexiver Entwicklung, die die inner- und zwischengesellschaftlichen Beziehungen auf einen Nenner zu bringen sucht. Da es schließlich die soziologische Idee des Lebens, die sich sowohl von der neurobiologischen, soziotechnologischen und sozialpsychologischen Bestimmung unterscheidet wie von der lebensphilosophischen, historisch-lebensweltlichen und pädagogischen.

Alle diese Entdeckungen sind nicht in der Einsamkeit dieser Wissenschaft entstanden, sondern im Austausch mit nahen und entfernteren Fächern. Das wirkt nach, so dass heute die Idee reflexiver Entwicklung nicht ohne Rekurs auf die sowohl gemeinsame wie getrennte Geschichte von Soziologie, Politikwissenschaft, Wirtschaftswissenschaften und Ethnologie gedacht werden kann. Ebenso ist nicht zu übersehen, dass in allen fünf Bereichen die Diffusionsprozesse so stark geworden sind, dass die Notwendigkeit entsteht, sowohl die harten Kerne dieser fünf Sachverhalte zu rekonstruieren wie völlig neue Perspektiven auf diese Sachverhalte zu entwickeln. Weiter so geht nicht. Dabei hat die Erschöpfung der Begrifflichkeit mit Gesellschaft und Klasse begonnen, hat sich mit Differenzierung und Entwicklung fortgesetzt, um schließlich auch das Leben zu erfassen. Wer nach den Dingen fragt, die die Soziologie entdecket hat, weiß insgeheim, dass neue Besinnung notwendig ist.


Text Nr. 34nach oben Ekkart Zimmermann, TU Dresden

  1. Gesellschaftliche Arbeitsteilung erzeut "organische" Solidarität (Durkheim, Adam Smith auch bereits). Bedeutung: Kenntnis dieser grundlegenden Einsicht würde uns Dutzende von Parteitagsbeschlüssen und politischen Fehlentscheidungen ersparen.
  2. Abweichendes Verhalten ist (in gewissem, von Durkheim unspezifiziert gelassenen Rahmen) funktional für die Integration der Gesellschaft. Bedeutung: einer der grundlegenden Vorteile für offene, wandlungsfähige Gesellschaften.
  3. "Kreuzung sozialer Kreise" (Simmel) reduziert das leidenschaftliche Engagement in nur einer Bezugsgruppe und trägt damit zu geschaftlicher Integration bei ("cross-pressures" bei Lazarsfeld, Ross).
  4. Die nichtantizipierten Folgen sozialen Handelns (Merton). Grundlegende Skepsis gegenüber jeder Planungseuphorie, am besten noch zu kombinieren mit dem Thomas-Theorem.
  5. Popper: Das Elend des Historizismus. Auch Historiker arbeiten mit (ihnenmeist unbewußten) Gesetzesvorstellungen; Entwicklungstrends mit eindeutigenVorhersagen, abgeleitet aus der Geschichte, entbehren jeder Grundlage

Wie wäre es mit den fünf und mehr flops, angefangen von Habermas' "herrschaftsfreiem Diskurs" unter besonderer Beobachtung des Beobachters ...


Text Nr. 35nach oben Heiner Meulemann, Universität zu Köln

1. Die Regeln des Zusammenlebens in Gesellschaften werden von allen gemacht, aber keiner kann sie alleine verändern. - Die Regeln des Zusammenlebens bilden sich in seinem Vollzug heraus, ohne dass einzelne  sie gewollt oder geplant haben. Sie bestehen nur deshalb, weil hinlänglich viele sie im Kopf haben und sich an ihnen orientieren, indem sie ihnen folgen oder nicht folgen.

2. Gesellschaften können bestehen, obwohl nicht alle ihren Regeln folgen und nicht alle die Nichtbefolgung ihrer Regeln bestrafen. Aber sie zerfallen, wenn niemand ihren Regeln folgt und keiner die Nichtbefolgung ihrer Regeln bestraft. - Soziale Integration ist eine Utopie, deren Realierung anzustreben dem Zusammenleben nicht unbedingt förderlich ist und oft sogar nachteilig sein kann. Aber weil alle einmal schwach sind und abweichen oder Abweichungen tolerieren, ist soziale Desintegration eine Tendenz, die dem Zusammenleben innewohnt und der man entgegenwirken muss, um die Gesellschaft am Leben zu erhalten. Für das Optimum zwischen Integration und Desintagration gibt es vorweg keine Bestimmung, es muss im Zusammenleben durch die Selbstdisziplin der Regelbefolgung und die Fremddisziplinierung von Regelverstößen verwirklicht werden.

3. Gesellschaften wandeln sich dauernd, unmerklich und ungeplant, weil immer wieder andere Personen die eine oder ander Regel nicht befolgen oder ihre Nichtbefolgung bestrafen oder nicht bestrafen. - Es gibt keine Gesetze des sozialen Wandels, aber es gibt eine Schwerkraft der von allen durch Befolgen und durch Bestrafung von Abweichung als gültig anerkannten Regeln, die schnellen sozialen Wandel nicht unmöglich, aber unwahrscheinlich macht.

4. Der gute Wille einzelner hilft nicht, gemeinsame Ziele zu verwirklichen, aber der Zusammenschluss mehrerer kann dazu beitragen. - Weil der Erfolg eines Beitrags für ein gemeinsames Ziel davon abhängt, wie andere sich beteiligen, könne Böswillige Gutwillige ausbeuten. Um zu einem erstrebenswerten gemeinsamen Ziel zu kommen, müssen daher hinlänglich viele, die an der Verwirklichung des Ziels interessiert sind, sich selbst zu einem Beitrag verpflichten; sie müssen sich organisieren. Ohne in einer Organisation mitzumachen, kann kein einzelner gesellschaftliche Verhältnisse verändern.

5. Die Menschen in modernen Gesellschaften unterscheiden sich sehr stark durch die Verteilung  gemeinsamer Produkte wie Geld oder Macht, Bildung oder Prestige. Aber die Unterschiede sind graduell. Es gibt viel Schichtung, aber keine Schichten. Die Konstruktion von Klassen, Schichten oder Milieus mag für soziologische Forschungen sinnvoll sein, aber man darf sie nicht für soziale Realitäten halten.


Text Nr. 36nach oben

Ich möchte drei theoretische Entdeckungen Simmels nennen, die so selbstverständlich in die Arbeit des Faches eingegangen sind, dass sie kaum noch als solche reflektiert werden.

1. Die Ablösung des Gesellschaftsbegriffs durch das Konzuept der Vergesellschaftung durch Simmel

Zunächst wurde Gesellschaft als eine Größe verstanden, die eigenständig etwas tut. Sie hatte in gewisser Weise die Merkmale eines Übersubjekts, das die einzelnen Individuen zu etwas zwingen kann. Simmel war der erste, der diesen kompakten Begriff von Gesellschaft aufgelöst hat und das gesellschaftliche Leben auf die Wechselwirkung zwischen Einzelnen zurückgeführt hat. Dabei hat er eine analytische Konzeption des Sozialen entwickelt, die systematisch zwischen Zweier- und Dreierkonstellationen unterscheidet.

Die Rückführung sozialer Prozesse auf solche Konstellationen ist sowohl in der Systemtheorie (Doppelte Kontingenz) als auch in der Handlungstheorie Standard geworden.

2. Die Verselbständigung der Vergesellschaftung zu einem objektiven Gebilde

Simmel leitet aus der Struktur der Vergesellschaftung eine wichtige Folgerung ab. Für das Individuum erscheint die Vergesellschaftung als ein objektives Gebilde, das ihm gegenübersteht. Dies formuliert er im 2. Soziologischen Apriori. Daraus ergibt sich eine Doppelperspektive auf die Vergesellschaftung. Sie ist einerseits vom Individuum her zu denken und zum anderen muss das Individuum als von der Gesellschaft bestimmt betrachtet werden. Zumindest in weiten Teilen der Handlungstheorie wird  diese Doppelperspektive als Grundlage der soziologischen Forschung betrachtet.

3. Simmels Differenzierung unterschiedlicher Theorietypen anhand ihres Empiriebezugs.

Simmel unterscheidet systematisch zwischen denjenigen Theorien, die die Erkenntnisgrundlagen der Sozialwissenschaften formulieren, den Theorien über einzelne Felder des sozialen Lebens und den Theorien über die Gesellschaft als Ganzes. Bezogen auf den ersten Theorietyp spricht Simmel von der Erkenntnistheorie der Soziologie. Modern würde man hier von Sozialtheorie sprechen. Den zweiten Theorietypus hat Simmel nicht eigens benannt. Merton hat später den Terminus "Theorien mittlerer Reichweite" geprägt, um zu bezeichnen, was Simmel meinte. Beim dritten Theorietypus geht es um Gesellschaftstheorie. Dabei hat Simmel auf ein wichtiges Merkmal dieses Theorietypus aufmerksam gemacht. Gesellschaftstheorien sind die Voraussetzung dafür, dass die Soziologie zu gesellschaftlichen Entwicklungen normativ Stellung bezieht.


Text Nr. 37nach oben

1.Die Ablösungs des Begriffs des Geistes (Hegel) durch den Begriff der Gesellschaft (Marx, Durkheim). Bei Marx ist die Kehre besonders gut zu beobachten, weil er die Rechtphilosophie auswendig kannte und ganz in deren Horizont groß geworden ist und ihn sprengt. Ganz einfach: Ist bei Hegel "Geist" der Oberbegriff von "absoluter" (Kunst, Religion, Philosophie), "objektiver" (Recht, Instituionen) und "subjektiver Geist" (moralisches Bewußtsein, Selbstbewußtsein, Meinen) und der "objektive" noch mal in "Moralität" und "Sittlichkeit" und die letztere weiter in "Familie", "Bürgerliche Gesellschaft" und "Staat" zergliedert (und Familie und Gesellschaft dem Staat gleichzeitig koordiniert und subordiniert) - so dreht Marx den Spieß um, und von Marx bis Luhmann ist dann der Staat der Staat der Gesellschaft, die familie die Familie der Gesellschaft, die Wissenschaft, Kunst, Moralität, Familie usw. der Gesellschaft inklusive der slbstreferetiellen Schließung zur Gesellschaft der Gesellschaft

2. Die Entdeckung der emergenten Eigenevolution der Gesellschaft durch Marx, Spencer, Durkheim und den Amerikanischen Pragmatismus und Interaktionismus, die alle an Darwin abstrakt genug anschließen, um (a) die Geschichtsphilosphie in Evolutionstheorie zu überführen, dabei jedoch (b) den soziobiologistischen Fehlschluß zu vermeiden.

3. Die Entdeckung funktionaler Differenzierung durch Marx und Durkheim, die in der Soziologie den Paradigmenwechsel von Substanz zu Funktion (Cassirer) einleitet. Paradigmatisch entwickelt an der Bildung "marktabhängiger Klassen" (Weber).

4. Die Transfornation des philosophischen Vernunftbegriffs in den soziologischen Begriff der Rationalisierung durch Max Weber und die daran anschließende Integration von Evolution, funktionaler Differenzierung und Rationalisierung durch Talcott Parsons.

5. Der Paradigmenwechsel vom Handeln zur Kommunikation, den Habermas und Luhmann gleichzeitig in einer praxisphilosophisch-rationalistischen und einer objektivistisch-skeptizistischen Lesart vollzogen haben.


Text Nr. 38nach oben

Auch wenn ich glaube, dass diese Fragestellung verfehlt ist (welches sind jene "fünf Einsichten ..."), will ich Ihnen versuchen, darauf eine Antwort zu geben.

1) Die "gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit" (Berger/ Luckmann) - die Einsicht in eine "objektive" und eine "subjektive (konstruierte) Wirklichkeit", die "soziologische Perspektive", der "Sozialkonstruktivismus"

2) Marx: "Wenn der Mensch von den Umständen gebildet wird, dann muss man die Umstände menschlicher bilden" (Sozialisation - Problem der Normativität dabei) - "Basis-Überbau-Theorem"

3) Menschen verhalten sich rollengemäß - der "Homo Sociologicus" (Dahrendorf), die Funktion der Normen und Sanktionen

4) Gesellschaft ist ein menschliches historisches Produkt - und kann daher verändert werden. Normen, Werte usw. sind von Menschen geschaffen und daher auch veränderbar.

5) Postmoderne Ambivalenz aller Dinge und Phänomene - als Folge der "Pluralisierung und Individualisierung".

PS: Mein früherer Versuch, Kollegen des eigenen Instituts um die Nennung von 3 Publikationen zu bitten, die jeder Studi der Soziologie kennen sollte, führte dazu, dass keine einzige Angabe zwei- oder mehrmal genannt wurde. Wir sind alles "post-moderne Individualisten", die eine je spezifische (individuelle, subjektive) Auffassung von Soziologie und deren wichtigste Errungenschaften (Einsichten) haben.

 


Text Nr. 39nach oben

Sie luden mich ein, bis zu fünf Erkenntnisse der Soziologie zu benennen, die ich für besonders wichtig halte. Violá:

1. Karl Mannheims "Seinsverbundenheit" des Denkens. DER Hinweis hin auf Selbstreflexion und Erkenntniskritik.

2. Norbert Elias´ "Verdinglichung" des Denkens als fundamentale Begründung fachlicher Eigenständigkeit. So muss Soziologie denken.

3. Roethlisberger/Dicksons Enteckung von formelle und informeller Struktur. Weit über die Organisationsforschung hinaus wirkende Erkenntnis, dass es viele "Wirkwelten" gibt.

4. Friedrich Engels Hinweis (Brief an Bloch), dass sich Geschichte als "Resultante" aus widerstreitendem Wollen ergibt. Startschuss für Merton und Folgende (unanticipated, unintended, kontraproduktive, Folgefolgen/Nebenfolgen)

5. Lars Clausen´s Hinweis, dass Theorien, die Katastrophe (Scheitern) nicht erklären können, auch alles andere, einschließlich des Vorgegebenen, nicht erklären können ("Krasser sozialer Wandel").


Text Nr. 40nach oben

1. Kriminalität ist normal (Durkheim).

Begründung:

Die Einsicht, dass normativ wenig wünschenswerte soziale Phänomene wie Kriminalität nicht unbedingt pathologisch oder dysfunktional sein müssen, sondern vielmehr auch durchaus funktional sein können, stellt einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur Ausdifferenzierung einer analytischen soziologischen Perspektive dar. Sehr wichtig für die Kriminalsoziologie ist zudem die mit der Normalitätsthese verbundene Aussage, dass es ein vom Gesellschaftstyp abhängiges Normalniveau der Kriminaltiät gibt.

2. Identität konsituiert sich in Interaktionen (Mead / symbolischer Interaktionismus).

Begründung:

Die Erkenntnis, dass die personale Identität im Wesentlichen in Interaktionen mit anderen Menschen und durch das "Spiegelbild" des Selbst, welches sich in Kommunikation mit anderen Personen entwickelt, konstituiert (Cooley), ist grundlegend für die soziologische Handlungstheorie, die Sozialisationsforschung und viele spezielle Soziologien (wie z.B. die Soziologie abweichenden Verhaltens, Stichwort: "sekundäre Devianz").

3. Funktionale Differenzierung stellt eine grundlegende Entwicklungstendenz westlicher Gesellschaften dar.

Begründung:

Der von verschiedenen Klassikern des Faches (Durkheim, Parsons) herausgearbeitetete Sachverhalt eines grundlegenden strukturellen Wandels in den westlichen Industrieländern durch die langfristige Aus¬differenzierung funktional spezialisierter Teilsysteme ist fundamental für die (makro-)soziologische Theoriebildung und das Verständnis der Gegenwartsgesellschaft, darüber hinaus aber auch von immenser praktischer Relevanz, insofern seine Berücksichtigung zentral für den Erfolg von Interventionen ist.


[1-10] [11-20] [21-30] [31-40] [41-50] [51-62]