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Methodologie der Sozialwissenschaften

Das Vertiefungsgebiet umfasst vier Bereiche: Die Wissenschaftstheorie, die Methoden und
Techniken der empirischen Sozialforschung, die Modellbildung sowie die Simulation in den Sozialwissenschaften. Zwar wird erwartet, dass die Studierenden einen Überblick über Themen und Problemstellungen in allen vier Bereichen besitzen, aber eine vertiefende Spezialisierung ist unumgänglich und erwünscht. Dazu kann das spezielle Lehrangebot verhelfen, insbesondere aber das eigenständige Literaturstudium.

Wissenschaftstheorie ist Meta-Theorie, die Wissenschaft selbst zum Gegenstand hat und sich mit der Frage befasst: Was kann und soll Wissenschaft? Die Unterschiede in den verschiedenen wissenschaftstheoretischen Auffassungen werden besonders sichtbar bei der Art, wie zentrale Problemstellungen konzeptualisiert oder auch ausgeblendet und welche Lösungsvorschläge gemacht bzw. kritisiert werden: z.B. das Verhältnis von Theorie und Empirie, Erklären und Verstehen, Subjekt und Objekt, Theorie und Praxis, Normativität und Objektivität. Um diese wissenschaftstheoretischen Diskurse für die empirische Forschung fruchtbar zu machen, müssen sie auf die praktizierte Logik der Forschung bezogen werden, die dafür im Sinne von Paul Lazarsfeld anhand beispielhafter empirischer Studien kritisch zu rekonstruieren ist.

Mit den grundlegenden Methoden und Techniken der empirischen Sozialforschung werden im Grundstudium alle Hauptfachstudierenden vertraut gemacht; erste Erfahrungen mit der Forschungspraxis vermittelt das Lehrprojekt im Rahmen der Methodenübungen I und II, einen Überblick nichtstandardisierter Auswertungsverfahren die Methodenübung III. Die Beherrschung dieser Grundkenntnisse ist selbstverständlich Voraussetzung für eine Vertiefung und Spezialisierung, die in mindestens zwei Bereichen erfolgen soll: z.B. Mess- und Skalierungsverfahren; Theorie und Praxis von Auswahlverfahren; Theorie und Praxis von Erhebungsverfahren; multivariate Auswertungsverfahren (z.B. Regressions-, Verlaufsdaten- und Panelanalysen usw.); Netzwerkanalyse; Design und Auswertungsprobleme von Evaluationsstudien und Sozialexperimenten; qualitative Methoden und die Möglichkeiten ihrer Systematisierung. Erwartet werden von allen Studierenden des Vertiefungsgebietes besondere Kenntnisse in den Problemen des Forschungsdesigns (die Umsetzung von Forschungskonzeptionen in die Forschungspraxis) sowie praktische Erfahrungen der Datenauswertung durch Sekundäranalysen.

Die Modellbildung ist eine rigorose Form der Theoriebildung, die bewusst von zahlreichen Details abstrahiert, um das „Wesentliche“ einer theoretischen Problemstellung zu betonen. Sie dient der Begründung empirisch testbarer Hypothesen. Modellbildung beruht auf formalen Kalkülen – Grundkenntnisse der Logik und Mathematik sind bei der Modellierung sozialer Phänomene und Prozesse unverzichtbar.

Oft sind soziale Prozessdynamiken so komplex, dass sie nicht mehr mathematisch-analytisch gelöst werden können. In diesem Fall werden verschiedene Simulationsverfahren eingesetzt, die zu Einzellösungen für spezifische Kombinationen von Parameter- und Variablenwerten führen. In dem Bereich der Simulation haben sich bisher Mikrosimulation, Makrosimulation, Mehrebenensimulation, Zelluläre Automaten, Multiagentensysteme und Neuronale Netze als wichtige Simulationsansätze etabliert. Sie eignen sich besonders zur Untersuchung solcher sozialen Phänomene, die durch Rückkopplungen, Zeitintensität (Gleichgewichtssuche, Stabilitätsbedingungen) und Nichtlinearität gekennzeichnet sind. Unter diesen Bedingungen sind häufig Selbstorganisationseffekte zu beobachten. Anwendungsgebiete von Computersimulationen sind Forschung (sozialwissenschaftliche Theoriebildung, Vorhersage sozialer Prozesse, Schätzung unbekannter Daten, Generierung von Daten zur Verbesserung von DV-Methoden), politische Entscheidungsberatung (Vorhersage sozialer Prozesse, Ableitung von Szenarien) und Didaktik (Lernen des Umgangs mit sozialer Komplexität).

Die folgenden Literaturhinweise sind für den Einstieg, Überblick und zum Teil als Nachschlagewerke gedacht. Sie sind keine umfassenden Darstellungen der angesprochenen Spezialbereiche.

(1) ALLGEMEINE LEHRBÜCHER

  • SCHNELL, Rainer, Paul B. HILL, und Elke ESSER (1999, 6. Aufl.): Methoden der empirischen Sozialforschung. München: Oldenbourg.
  • BABBIE, Earl (1992, 6.Aufl.): The Practice of Social Research. Belmont CA: Wadsworth.
  • DIEKMANN, Andreas (1999, 5.Aufl.): Empirische Sozialforschung. Reinbek, Rowohlt.
  • ALEMANN, Heine von (1991, 2. Aufl.): Der Forschungsprozess. Stuttgart: Teubner.

(2) WISSENSCHAFTSTHEORIE

  • BLAUG, Mark (1994): The methodology of economics or how economists explain. 2. Ed. reprint. Cambridge u.a.: Cambride Univ. Press.
  • CHALMERS, A.F. (1986): Wege der Wissenschaft. Berlin: Springer.
  • ESSER, Hartmut, Klaus KLENOVITS und Helmut ZEHNPFENNIG (1977): Wissenschaftstheorie, 2 Bde. Stuttgart: Teubner.
  • HOLLIS, Martin (1994): The philosophy of social science: an introduction. 1. publ. Cambridge [u.a.]: Cambridge Univ. Press
  • LORENZEN, Paul (2000): Lehrbuch der konstruktiven Wissenschaftstheorie. Stuttgart u. Weimar: J.B. Metzler
  • MILLER, David (Hg.) (1995): Lesebuch Karl R. Popper: ausgewählte Texte zu Erkenntnistheorie, Philosophie der Naturwissenschaften, Metaphysik, Sozialphilosophie. Tübingen: Mohr.
  • NOLA, Robert und SANKEY Howard (2000), After Popper, Kuhn And Feyerabend.
  • Dordrecht [u.a.]: Kluwer Academic Publishers,
  • OPP, Karl-Dieter (1999): Methodologie der Sozialwissenschaften: Einführung in Probleme ihrer Theorienbildung und praktischen Anwendung, 4. durchges. Aufl., Opladen: Westdt. Verl.

(3) MODELLBILDUNG

  • CHIANG, Alpha C. (1994): Fundamental methods of mathematical economics. 3. Aufl. New York [u.a.]: McGraw Hill.
  • COLEMAN, James S. (1990): Grundlagen der Sozialtheorie. Bd. III. München: Oldenbourg.
  • RIECK, Christian (1993): Spieltheorie. Einführung für Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler. Wiesbaden: Gabler.
  • ZIEGLER, Rolf (1972): Theorie und Modell. Der Beitrag der Formalisierung zur soziologischen Theoriebildung. München: Oldenbourg.

(4) SIMULATION

  • BAINBRIDGE, William Sims (1987): Sociology Laboratory. Computer Simulations for Learning Sociology. Belmont, Cal.: Wadsworth.
  • SCHNELL, Rainer (1990): Computersimulation und Theoriebildung in den Sozialwissenschaften, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 42. Jg., S.109-128
  • TROITZSCH, Klaus G. (1990): Modellbildung und Simulation in den Sozialwissenschaften. Opladen: Westdeutscher Verlag.
  • GILBERT, Nigel und Klaus G. TROITZSCH (1999) Simulation for the social scientist. Buckingham [u.a.]: Open Univ. Press.

(5) FORSCHUNGSDESIGNS, SKALIERUNG UND AUSWAHL-VERFAHREN

  • BORG, Ingwer und Thomas STAUFENBIEL (1993, 2. Aufl.) Theorien und Methoden der Skalierung. Bern: Huber.
  • BÖLTKEN, Ferdinand (1976): Auswahlverfahren. Stuttgart: Teubner.
  • CAMPBELL; Donald T. und Julian C. STANLEY (1963): Experimental and Quasi- Experimental Designs for Research. Chicago: Rand McNally (dt. Übersetzung unter dem Namen von Elisabeth Schwarz (!) in: Handbuch der Unterrichtsforschung, Teil I. Weinheim: Beltz 1970, S.448-631)

(6) ERHEBUNGSVERFAHREN

  • BELSON, W.A. (1981): The Design and Understanding of Survey Questions. Aldershot.
  • WEBER, Robert P. (1990, 2. Aufl.): Basic Content Analysis. Newbury Park: Sage.
  • GRÜMER, Karl-Wilhelm (1975): Beobachtung, Stuttgart: Teubner.
  • ROSSI, Peter H. et al. (1983): Handbook of Survey Research. New York: Academic Press.

(7) AUSWERTUNGSVERFAHREN

  • BLOSSFELD, Hans-Peter, ROHWER Götz (1995): Techniques of Event History Modeling. Mahwah: Lawrence Erlbaum Associates.
  • BRÜDERL, Josef (2000): Regressionsverfahren in der Bevölkerungswissenschaft, in: Mueller, U.; Nauck, B.; Diekmann, A. (Hg) Handbuch der Demographie, Vol 1, Springer, Berlin
  • FAHRMEIR, Ludwig, Rita KÜNSTLER, Iris PIGEOT, Gerhard TUTZ (2. Aufl.), Statistik. Der Weg zur Datenanalyse. Berlin [u.a.]: Springer.
  • FOX, J. (1997): Applied Regression Analysis, Linear Models and Related Methods. Thousand Oaks: Sage.
  • GREENE, William H. Greene (1999, 4.Aufl.), Econometric Analysis, Upper Saddle River [u.a.]: Prentice-Hall International.
  • RONNNING, Gerd (1991), Mikroökonometrie, Berlin u. Heidelberg: Springer.
  • WASSERMAN, S. und K. FAUST (1994): Social Network Analysis: Methods and Applications. Cambridge: Cambridge University Press.

(8) QUALITATIVE SOZIALFORSCHUNG

  • FLICK, U. et al. (1991): Handbuch qualitative Sozialforschung. München: Psychologie Verlagsunion.
  • GARZ, Detlev, KRAIMER Klaus (Hrsg.) (1991): Qualitativ-Empirische Sozialforschung, Opladen: Westdeutscher Verlag.
  • HOFFMEYER-ZLOTNIK, Jürgen H.P. (1992) Analyse verbaler Daten, Westdeutscher Verlag, Opladen
  • STRAUSS, Anselm L. (1991) Grundlagen qualitativer Sozialforschung, Wilhelm Fink, München
  • HITZLER, Ronald; HONER, Anne (1997): Sozialwissenschaftliche Hermeneutik, Leske + Budrich / UTB, Opladen
  • KELLE, Udo; KLUGE, Susann (1999): Vom Einzelfall zum Typus: Fallvergleich und Fallkontrastierung in der qualitativen Sozialforschung, Leske + Budrich, Opladen
  • WERNET, Andreas (2000): Einführung in die Interpretationstechnik der objektiven Hermeneutik“, Leske + Budrich, Opladen

(9) KLASSISCHE STUDIEN

  • HUNT, Morton (1991): Die Praxis der Sozialforschung. Frankfurt: Campus.
  • SCHWARTZ, S. (1988): Wie Pawlow auf den Hund kam. Weinheim: Beltz.
  • JAHODA, Marie, Paul F. LAZARSFELD und Hans ZEISEL (1975): Die Arbeitslosen von Marienthal. Frankfurt: Campus.
  • WHYTE, William F. (1981, 3. Aufl.): Street Corner Society. Chicago: University of Chicago Press.
  • HAMMOND, Phillip E. (1964): Sociologists at Work. New York: Basic.
  • MAGDE, John (1963, 1970): The Origins of Scientific Sociology. London: Tavistock.

(10) ZEITSCHRIFTEN

  • American Journal of Sociology
  • American Sociological Review
  • Journal of Mathematical Sociology
  • Rationality and Society
  • Social Networks
  • Sociological Methodology
  • Quality & Quantity
  • Social Science Research
  • Sociological Methods & Research

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